Der Journalist des weißrussischen „Euroradios“
lernte Igor per Zufall kennen. Hier kommt sein Bericht in deutscher Übersetzung.
Dieser gepflegte Mann in mittleren Jahren begegnete
ihm auf dem Minsker Bahnhof. Igor will nicht fotografiert werden. Er sagt, das
wäre geschäftsschädigend. Er nennt sich einen Fachflüchtling und macht aus seinem Knowhow kein Geheimnis.
Euroradio:
Wie wurden Sie zum professionellen Flüchtling?
Igor:
Eigentlich rein zufällig. Ich komme aus der Westukraine. 1993-1994 arbeitete
ich in Polen und Tschechien. Mein Arbeitgeber schuldete mir Geld. Eines Tages
sagte er mir: „Wenn Du willst, gebe ich Dir statt des Geldes einen sehr guten Tipp.
Dafür wirst Du mir Dein ganzes Leben dankbar sein, denn er bringt Dir viel
mehr, als die Summe, die ich Dir schulde. Abgemacht?“ Ich stimmte zu.
Dann erzählte er mir, wie man zu einem Illegalen
Einwanderer in Bayern wird, und wie man sein Leben dort in vollen Zügen
genießen kann. Diese Anweisungen habe ich mir tüchtig eingeprägt.
Ich erinnere mich immer noch sehr gut an meinen
ersten „Einsatz“. Es war im Oktober 1994. Ich weiß sogar immer noch ganz genau,
wie meine Route ins neue Leben verlief. Der Weg startete im tschechischen Domažlice,
dann lief ich durch den Wald über die Grenze in Richtung Bayern. Der Chef gab
mir eine gute Karte.
Genaugenommen waren wir zu zweit mit meinem Freund,
beide knapp 25 Jahre alt. Wir haben uns auf diese Reise wie richtige Spione
vorbereitet: zum Essen hatten wir sogar Marmelade in Tuben gekauft. Wir wussten
auch, dass ein richtiger Flüchtling unbedingt neue Kleider (Schuhe, Hosen,
Jacke) mitnehmen muss. Man muss sich auch sofort umziehen, sobald man es über
die Grenze schaffte. Alte Klamotten sind dabei umgehend zu entsorgen - am
besten in einen Sack einpacken und im Wasser versenken.
In Deutschland ging es dann ganz flott: Per
Anhalter fuhren wir mit einem Bus nach Regensburg, dann weiter bis nach
München. Die Adresse der Aufnahmestelle für Flüchtlinge in München war uns natürlich
auch bekannt. Dort haben wir uns „ergeben“. Wichtig: ohne Pässe!
Euroradio:
Also ins neue Leben ohne Pass?
Igor:
Das ist ein Muss! Nur so bekommt man die nötige
Handlungsfreiheit, indem man jede beliebige Identität annehmen kann, Hauptsache
- nicht die eigene!
Wenn man aber seinen Pass nur versteckt, dann
kommt früher oder später bestimmt ein Moment, wo der Pass sehr unpassend zum
Vorschein kommt. Die Faustregel ist: ohne Pass bis du ein König, mit dem Pass hast
du Probleme. Also jenseits der Normalität.
Die weitere Prozedur ist dann eigentlich routinehaft:
in der Aufnahme erklärt man, dass man Asyl braucht und keine Papiere hat. Die
Beamten fragen nach dem Namen. Man nennt sich, wie man will. Als Nächstes wird
man in den Speiseraum verwiesen. Das bedeutet, dass man schon „an Bord“ ist.
Es vergehen dann ein paar Wochen in einem Umverteilungslager. Dort wird entschieden, wohin der Migrant weiter verlegt
wird. Bei meinem ersten Mal in Deutschland bin ich schlussendlich in Kempten
gelandet. Während meines Aufenthalts gab es Interviews. Als Erstes kommt
die Frage nach dem Weg, wie man also nach Deutschland gekommen ist. Dann muss
man Motive nennen, warum das Asyl beantragt wird. Die Motive können
unterschiedlich sein: politisch, religiös, moralisch und, nicht zuletzt,
gesundheitlich.
Das mit der Gesundheit wird oft und unverdient außer Acht
gelassen, ist aber eine tolle Begründung: Man kann tatsächlich sagen, dass man krank sei, und diese Krankheit in der Heimat nicht kurierbar wäre.
Und die Behörden haben das hinzunehmen. In diesem Fall werden manche Formalitäten sogar zurückgesteckt. Und man wird dann monatelang ärztlich behandelt, dabei kriegt man einen anständigen Wohnraum und ein paar hundert
Euro bar.
Aber auch in den Heimen lebt es sich gar nicht
so schlimm. Die Verpflegung ist perfekt: Fleisch, Fisch, alles, was man will. Essen
gibt es dreimal pro Tag, und in keiner Weise limitiert.
Der Tagesablauf gestaltet sich in etwa so: der
Tag beginnt mit dem Frühstück, dann geht man in die Stadt spazieren, danach
kommt man zum Mittagessen, anschließend folgen ein weiterer Spaziergang und das
Abendessen.
Als Asylbewerber bekommt man, wie gesagt, auch bares Geld.
Aber mit der Zeit reicht es immer weniger aus. Andererseits darf man
in diesem Status nicht arbeiten. Darum werden so gut wie alle Flüchtlinge zu
Dieben. Man fängt praktisch zwangsläufig an, alles Mögliche in Geschäften
zu klauen: Essen, Kleider, alles.
Und wenn man so was mehrere Jahre lang Tag für
Tag macht, dann stellt man sich am Ende gar kein anderes Leben vor. Und man
kommt schon gar nicht mehr auf den Gedanken, eine Arbeit zu suchen. Diebstähle
werden auch dadurch provoziert, dass man dafür nur sehr milde bis gar nicht
bestraft wird.
Auch sonst kann ich mir keine Situation
vorstellen, wo sich die Behörden einen Flüchtling so richtig vornehmen. In der
Regel kriegt man ganz schnell neue Papiere und Kärtchen (Bankkarte und
Krankenversicherung), und ist dann ein freier Mann.
Die Prozedur der regelmäßigen Verifizierung des
Flüchtlingsstatus ist bei weitem formell. Und wenn man bereit ist, ein paar
hundert Euro für den Anwalt auszugeben, dann verlässt man Deutschland
garantiert nie.
Euroradio:
Na gut, aber auch dieses Geld muss man erst
finden...
Igor:
Wie ich schon sagte, es wird geklaut auf
Teufel komm raus. Zum Beispiel lässt man ein paar teuere Jacken aus den Geschäften mitgehen. Dann werden sie an bekannte Schieber zum halben Preis verkauft. Mit
etwas Glück hat man dann ganz schnell bis 500 Euro in der Tasche. Die
Technik, wie man unbemerkt klaut, wird schnell erlernt. In jedem Heim gibt es
genug gute Lehrer. Aber selbst wenn man auf frischer Tat ertappt wird, ist das
überhaupt kein Problem. Man wird ja sowieso fast nie verhaftet und bestraft. Und
wenn schon, dann kann der deutsche Knast eher als eine Art Erholungsheim
betrachten werden. Alle wissen das, und keinen schreckt das ab.
Euroradio:
Bestimmt besuchen Sie Ihre Heimat. Oder?
Igor:
Ab und zu schon. Zum Beispiel als meine Mutter
krank wurde. Manchmal wird einem auch der endlose asylantische Müßiggang zum
Kotzen. Dann geht man zur zuständigen Behörde und sagt, dass man nun Schluss
mit dem Theater machen möchte. Dann wird die Akte ordnungsgemäß abgeschlossen,
und man kriegt sogar eine Abrechnung. Einmal konnte ich auf diese Weise 6700
Euro „für die Heimreise“ ergattern.
Die Ausreise sieht nicht nach einer Abschiebung aus. Man kriegt einfach Geld und Tickets in die
Hand gedrückt und fliegt bequem nach Hause. So ist das System. Ich habe es bereits
in den Niederlanden, Deutschland, Norwegen, Schweden und Finnland ausprobiert. Es
funktioniert überall bestens. Aber in meiner Liste gibt es immer noch Länder,
die einen Flüchtlingsbesuch wert sind.
Euroradio:
Warum haben Sie als Flüchtling nicht
geheiratet? Zum Beispiel in Deutschland.
Igor:
Es gibt nichts Einfacheres als das. Eine
deutsche Dame hat es mir sogar selbst angeboten. Sie wollte mich naiv damit locken,
dass ich dadurch einen vollwertigen legalen Status bekomme. Aber wenn ich mit
diesem legalen Status gegen das Gesetz verstoße, dann gerate ich
definitiv hinters Gitter. Brauche ich das wirklich? Der Flüchtlingsstatus ist
doch viel günstiger.
Euroradio:
Alles klar. Sie sind ja sowieso
verheiratet...
Igor:
Ja, ich habe in der Ukraine geheiratet. Jetzt habe ich schon zwei Söhne: 7 Jahre und 3 Monate alt. Aber es ist natürlich
schwer, ohne Familie im Ausland zu leben.
Euroradio:
Wozu verlassen Sie dann immer wieder Ihre
Heimat?
Igor:
Das ist doch wie eine Dienstreise: man kommt
nach Europa als Flüchtling, um die Familie zu Hause zu versorgen. Aber denken
Sie bitte bloß nicht, dass mein Leben leicht ist. Man ist ja immer allein, man hat
Heimweh. Und man spielt öfters mit dem Gedanken, die Familie zu sich zu holen. Das ist
aber nicht so einfach. Eigentlich ist es finanziell viel günstiger, Kinder
und Ehefrau nach Europa zu bringen. So kann man in 5 Jahren sogar ein kleines
Vermögen fürs Leben ansammeln... Ich denke darüber nach.
Euroradio:
Und was halten Sie von Weißrussland?
Igor:
Nichts. Aus der Sicht eines Flüchtlings ist das Land uninteressant. Ich habe hier sofort gesagt bekommen, dass ich keine Chancen als
Flüchtling habe. Etwas bessere Aussichten haben nur Ostukrainer und nur aus den
Gebieten, wo es wirklich Krieg gibt. Gute Flüchtlingsperspektiven haben Ukrainer in
Russland, besonders wenn sie wehrpflichtig sind. So versucht Russland wohl die
Kampfkraft der ukrainischen Armee zu schwächen. Für mich als Westukrainer wäre das
alles aber völlig sinnlos: ein russisches Heim würde für mich sofort zur Hölle.
Außerdem mag ich die russische Mentalität nicht. Also komme ich bald schon
wieder nach Europa.
Aber mein großes Ziel ist Kanada. Die sind richtig
großzügig! Besonders, wenn man die Familie gleich mitnimmt. Ich weiß, dass
Flüchtlinge in Kanada sehr große Kredite aufnehmen dürfen. Bis zu einer Million
Dollar. Dann haben wir ein ganz leichtes Spiel: mit dem großen Geld zurück nach Hause.
Das würde uns ja bis zum Lebensende reichen!
Euroradio:
Wie lange sind Sie schon in Weißrussland?
Igor:
Seit einer Woche. Aber ich habe es satt. Neulich
wurde ich hier fast verhaftet, weil ich im Park Alkohol getrunken habe. Ich
habe das unauffällig gemacht, trotzdem hat die Polizei mich erwischt, allerdings
dann auch bald freigelassen.
Euroradio:
Wollen Sie, dass auch Ihre Kinder
Fachflüchtlinge werden?
Igor:
Eigentlich nicht, aber sie sollten wissen, dass
es sowas gibt. Vielleicht können sie meine Erfahrung eines Tages gut gebrauchen. Ich
bleibe aber in diesem "Beruf" für den Rest meines Lebens. Das ist profitabel und... romantisch,
verstehen Sie. Man gewöhnt sich daran, und jede andere Lebensweise wird dann zu
fade.
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