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20 November 2021

Russischer Ideologe warnt den Kreml

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Surkow warnt

Der heute sonst fast unsichtbare inoffizielle russische "Chef-Ideologe" Wladislaw Surkow meldet sich nun mal wieder zu Wort und warnt den Kreml vor der Gefahr einer "irreversiblen Destabilisierung" der politischen Lage in Russland.


Hier sind einige Stellen aus seiner Warnung.

"Liberale Experimente auf dem Gebiet der Innenpolitik sind äußerst riskant. Das Undichtwerden des Systems, dieses heute gut funktionierenden 'sozialen Reaktors', birgt die Gefahr einer unkontrollierbaren Freisetzung ziviler Irritationen und könnte zu einer irreversiblen Destabilisierung führen. Siehe Beispiele aus den 1980er und 1990er Jahren".

Surkow schreibt auch, dass das russische Regierungssystem zu Beginn des 21. Jahrhunderts "eine Lawine des sozialen Chaos eingedämmt und ein traumatisiertes Land aus den Trümmern der Perestroika herausgezogen habe. Jene Jahre würden in der Zukunft sicherlich als ein goldenes Zeitalter in Erinnerung bleiben.

Den kompletten Artikel auf Russisch findet man hier.

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24 Februar 2021

Russland und das neue ethische Reich

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Manifest von Bogomolow
Vor einigen Tagen erschien in einer nicht allzu beliebten prowestlichen Zeitung ein sog. Manifest eines nicht allzu populären Regisseurs Konstantin Bogomolow mit dem Titel "Entführung Europas 2.0".


Hinter dem Artikel wird aber schon wieder der bekannte Kreml-Ideologe Wladislaw Surkow vermutet. Also könnte man meinen, dass dieser Artikel auch die Ansichten der politischen Führung Russlands mehr oder weniger wiedergibt. Wie auch immer kommt hier die (gekürzte) Übersetzung des Manifestes.

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Der Mensch ist eine schöne aber gefährliche Kreatur. Wie die Atomenergie besitzt er sowohl kreative als auch destruktive Kraft.

Diese Energie zu kontrollieren, ihre zerstörerische Kraft zu zügeln und kreative Energie zu fördern, ist eine hohe Aufgabe des Aufbaus einer komplexen Zivilisation, die auf einem komplexen Menschen basiert. So entwickelte sich die westliche Welt bis in die Neuzeit: Die dunklen Seiten des Menschen wurden durch Religion, Philosophie, Kunst und Bildung zurückgehalten, notfalls aber auch – wie der Dampf aus einem überhitzten Kessel - dosiert abgelassen.

Im 20. Jahrhundert ist die "Atomenergie" des Menschen außer Kontrolle geraten. Der Nationalsozialismus wurde zum Tschernobyl der Menschheit. Der Schock und die Angst Europas vor dieser Explosion der menschlichen Primitivität waren zu groß. Darum beschloss der Westen шт вук Nachkriegszeit, sich gegen einen weiteren "nuklearen Unfall" abzusichern, indem der komplexe Mensch eliminiert werden musste.

Zu beseitigen war derjenige komplexe Mensch, den Europa viele Jahre des Christentums selbst formte. Derjenige Mensch, den Dostojewski beschrieb: Ein Engel und gleichzeitig ein Teufel, hoch und niedrig, liebend und hassend, glaubend und zweifelnd, tiefsinnig und fanatisch. Europa erschreckte sich vor dem Tier im Menschen, ohne zu berücksichtigen, dass auch das Tier ein natürlicher und organischer Teil des Menschen ist. Europa war nicht in der Lage, die Folgen des Nationalsozialismus intellektuell und geistlich zu überwinden, darum entschied es sich für eine einfache Lösung: den komplexen Menschen zu kastrieren, um die dunkle bestialische Seite seiner Natur für immer zu vergraben. So begann die Kastration und Lobotomie des modernen Westens. Daher kommt übrigens dieses falsche wohlwollende und alles verzeihende Lächeln, eingefroren auf dem Gesicht des heutigen westlichen Menschen. Dieses Lächeln drückt aber keine Kultur, sondern eine Degeneration aus.

Der heutige Westen manifestiert sich als Gesellschaft persönlicher Freiheiten. Doch in Wirklichkeit kämpft der Westen heute immer noch gegen einen komplexen Menschen und seine schwer kontrollierbare Energie.

Die moderne westliche Welt wird zum neuen ethischen Reich mit seiner eigenen Ideologie der "neuen Ethik". Der Nationalsozialismus ist Vergangenheit. Die Gegenwart heißt der ethische Qweer-Sozialismus. Aus Siemens, Bosch und Volkswagen wurden Google, Apple und Facebook. Die Nazis wurden durch eine Mischung aus Queer-Aktivisten, Fem-Fanatikern und Ökopsychopathen ersetzt, die genau so aggressiv sind und sich durstig nach einer vollständigen Neuformatierung der Welt sehnen.

Traditionelle totalitäre Regime unterdrückten die Gedankenfreiheit. Der neue nicht-traditionelle Totalitarismus ist einen Schritt weiter gegangen und will nun Emotionen kontrollieren. Die Einschränkung der emotionalen Freiheit eines Individuums ist ein revolutionäres Konzept des neuen ethischen Reiches.

Gefühle und Gedanken waren schon immer ein privater Bereich des Menschen. Äußerlich musste er sich beherrschen, aber sein Herz und Gehirn waren frei von Kontrolle. Dies regelte der stillschweigende Gesellschaftsvertrag der europäischen Zivilisation, der den Menschen als ein Gefäß von Emotionen und Ideen verstand, in dem Hass eine andere Seite der Liebe war - eine schwierige und gefährliche, aber notwendige und wichtige Seite der menschlichen Persönlichkeit.

In der nationalsozialistischen Gesellschaft wurde der Mensch wie ein Hund zu Hass abgerichtet. Im neuen ethischen Reich wird man dressiert, auf Liebe und Hass zu verzichten.

Man darf nicht mehr frei sagen "Ich mag nicht ...", "Mir gefällt es nicht ...", "Ich habe Angst ...". Man muss nun vorab eigene Emotionen mit der öffentlichen Meinung und den sozialen Werten in Beziehung setzen. Zum idealen Werkzeug für diese neue repressive Maschine wurden soziale Medien. Und zu den Aufpassern wurden sogenannte rechtschaffende Internet-Aktivisten. Sie tragen keine Uniformen, sie haben keine Keulen und Schocker, aber sie besitzen Gadgets, philiströse Machtgier, geheime Leidenschaft für Gewalt sowie einen Herdeninstinkt. Für ihre Aktivitäten haben sie keine rechtliche Grundlage, dafür aber eigneten sie sich das moralische Recht an. Und angesichts der jüngsten Ereignisse in den USA ist es offensichtlich, dass sie nicht nur ein sich selbst organisierendes Netzwerk darstellen. Sie werden vielmehr von der Staatsmacht unterstützt, vom neuen Ministerium für Wahrheit, das von den Eigentümern von Internetgiganten vertreten ist.

Das Internet hat diesen Aufpassern die Anonymität, Kontaktlosigkeit und infolgedessen Straflosigkeit verliehen. Virtuelle Menschenmenge, virtuelles Lynchen, virtuelles Mobbing, virtuelle Gewalt sowie reale mentale und soziale Isolation von Menschen, die sich nicht einreihen wollen. Diese Netzwerkinformanten und Handlanger spielen die ewige Angst des Menschen vor dem Alleingang gekonnt aus.

Im Nazi-Staat könnte ein Künstler aufgrund seiner "entarteten" Kunst den Job und das Leben verlieren. Im "schönen" westlichen Staat der Zukunft kann der Künstler seinen Job verlieren, weil er das falsche Wertesystem vertritt. Inzwischen betrifft das eigentlich nicht mehr nur Einflussfiguren wie Künstler. Die Situation entwickelt sich rasant, und heute kann ein bescheidener Lehrer oder ein friedlicher Student aus der Lehranstalt rausgeschmissen werden, wenn er eine "falsche" Meinung über die aktuelle Politik hat. Da die Gesellschaft und nicht der Staat diese Repressalien ergreift, werden sie als Aktionen der öffentlichen Solidarität bezeichnet, als gerechter Zorn "freier" und "fortschrittlicher" Menschen, die verlangen, dass Andersdenkende sich niederknien, um die Gnade zu erflehen. So wird dem Menschen die Selbstkastration als der einzige Weg nahegelegt, um im neuen orwellschen Staat zu überleben.

Das neue Reich erklärte den Krieg gegen alles, was unkontrollierbar ist, darunter auch gegen den Sex. Europa ging schnell von der sexuellen Revolution, die zur neuen europäischen Renaissance nach dem Nationalsozialismus wurde, zu einem umfassenden Kampf gegen die sexuelle Energie, dem wichtigsten, emotionalsten und unkontrollierbarsten Teil der menschlichen Existenz, über. Denn Sex ist Freiheit. Sex ist Gefahr. Sex ist das Tierische im Menschen.

Das Christentum räumte dem sexuellen Akt die Sakralität, Göttlichkeit und Schönheit ein. Erotik war ein Kunstobjekt. Sexuelles Verlangen war ein Zeichen der Inspiration. Sex war das heilige Liebesvergnügen. Geburt war ein Wunder. Das neue Reich betrachtet Sex als Produktion und die Genitalien als Werkzeug. Im Rahmen des neuen queeren Sozialismus sozialisiert es diese Produktionsinstrumente und verteilt sie neu, während die Produktion optimiert und der staatlichen sozialen Kontrolle unterstellt wird, wodurch das Geschlecht irrelevant wird.

Der grenzüberschreitende Charakter der Gesellschaft, die Globalisierung, ist Teil der Schaffung eines neuen totalitären Reiches. Früher hatte ein Dissident die Möglichkeit, seine Gesellschaft zu verlassen und eine neue zu finden. Staatsgrenzen bewahrten die Freiheit des Menschen: Die Vielfalt der Ethik- und Wertesysteme eröffnete dem Menschen die Möglichkeit, ein mehr oder weniger passendes oder zumindest nicht störendes Umfeld zum Leben und Schaffen zu finden.

Das neue ethische Reich sehnt sich nach Expansion und Vereinheitlichung der Gesellschaften. So entsteht ein neues globales Dorf, in dem sich ein andersdenkender Mensch vor den Hütern der ethischen Reinheit nicht mehr verstecken kann.   

Ethische Reinheit löste Rassenreinheit ab. Heute wird im Westen nicht die Form der Nase oder die nationale Identität unter die Lupe genommen, sondern die ethische Vergangenheit jedes erfolgreichen Individuums mit Mikroskop untersucht: ob es in Vergangenheit zumindest kleine, aber belästigende Verfehlung oder vielleicht nur Aussagen gab, die nicht dem neuen Wertesystem entsprechen. Wird eine Sünde gefunden, dann gibt es nur eine Möglichkeit, sich eventuell zu retten - der bereuende Kniefall.

Die Oktober-Revolution hat Russland fast hundert Jahre lang vom Westen isoliert. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts befreite sich Russland vom Bolschewismus und eilte nach Europa. Dort suchte Russland nach Akzeptanz, versuchte zu lernen, träumte davon, den Status eines europäischen Landes und europäische Werte wieder zu gewinnen. Die Werte des schönen Europas der Vorkriegszeit, das in seiner ganzen Vielfalt keine Angst vor einem komplexen Menschen hatte. Das war Europa, das die menschliche Freiheit zu lieben und zu hassen respektierte. Europa, das verstand, dass die Natur den Menschen als komplexes, widersprüchliches und dramatisches Wesen erschuf, und sich nicht berechtigt sah, sich in diesen höheren Plan einzumischen. Europa, für das der Hauptwert im Menschen seine Individualität war. Nicht die Individualität des Sextreibens, sondern des Denkens und Schaffens. Das Schaffen äußerte sich in Gemälden, Musik, Gedichten, nicht aber in der Umgestaltung / Verunstaltung des eigenen Körpers oder in der Erfindung neuer Genderbezeichnungen.

Nach einem solchen Europa sehnte sich Russland in den 90er Jahren, und träumte, ein Teil davon zu werden. Das ist aber vorbei. Wozu denn Verbündete dort suchen, wo es sie nicht mehr gibt? Das moderne Russland ist sicherlich immer noch weit von dem einst angestrebten Europa entfernt. Aber es will offensichtlich auch nicht zum neuen europäischen Panoptikum gehören.

Unsere Westler wiederholen hartnäckig: Russland sei ein Land der Gefängniswärter und Sklaven. Mehr oder weniger mag das schon stimmen. Es ist aber auch wahr, dass lange Jahre mangelnder Freiheit, die in den Genen steckende Angst vor Umerziehungslagern, Denunziantentum sowie Demut und Gewalt als Mittel zum Überleben und zum Schutz der Bürger vor der Macht und der Macht vor den Bürgern - all das erfordert keine Revolutionen, aber Geduld und Therapie.

Der heute im Westen herrschende Geist der Gewalt und die Atmosphäre der Angst sind abscheulich. Und wo ist der Unterschied zwischen den damaligen russischen Bolschewiken und heutigen amerikanischen oder europäischen "Aktivisten"?

Das gab es bereits in unserer Geschichte während der Oktober-Revolution: Hässliche Feminitive und anderer Missbrauch der Sprache; Versuche, sich vom Geschlecht oder kultureller Identität zu befreien; Volksversammlungen, wo Andersdenkende als unmoralische Scheusale gebrandmarkt wurden; sogar Kinder, die ihre Eltern verraten. All das hatten wir schon.

Andersdenkende gibt es immer noch genug, und das sind keine durchgeknallten Orthodoxen. Ganz im Gegenteil. Das sind moderne, fröhliche und freie Menschen, gebildet und erfolgreich, offen fürs Neue. Das sind die Menschen, die das Leben in seiner Vielfalt lieben. Das sind Russen, Europäer, Amerikaner, die heimlich davon träumen, dass heutige seltsame und dunkle Zeiten endlich vorbei sind. Aber sie haben Angst, lautstark zu werden. In Russland droht ihnen Netzwerkmobbing. Im Westen fürchten sie vor dem moralischen Terror, Entlassungen und Armut.

Sie alle brauchen Unterstützung. Ihre Gefühle und Gedanken müssen endlich auf dem Papier formalisiert und strukturell organisiert werden. Das heißt, es ist an der Zeit, eine neue rechte Ideologie klar und deutlich zu formulieren, eine Ideologie außerhalb der radikalen Orthodoxie, aber von den Werten einer komplexen Welt ausgehend, die auf komplexen Menschen basiert.

Russische Westler behaupten: Russland sei das Schlusslicht der progressiven Menschheit. Das stimmt nicht. Eigentlich dank eines Zufalls wurde es zum Schlusslicht eines verrückten Zuges, der die Hölle ansteuert, wo die Fahrgäste von multikulturellen und geschlechtsneutralen Teufeln begrüßt werden.

Wir müssen nun unseren letzten Wagon zügig abkoppeln, sich bekreuzigen und mit dem Aufbau der eigenen Welt beginnen. Wir müssen anfangen, unser altes gutes Europa wieder aufzubauen. Europa, von welchem wir träumten. Europa, das die Europäer bereits verloren haben. Europa der gesunden komplexen Menschen.

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11 Februar 2019

Der lange Staat Putins

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Putinismus
Am 11. Februar wurde in einer Moskauer Zeitung ein Artikel "Der lange Staat Putins" von Wladislaw Surkow, dem "Demiurg des Kremls", veröffentlicht. Nun werden die Thesen des Artikels in Russland heftig und kontrovers diskutiert. Und die Leser des RF-Blogs haben die Möglichkeit, sich mit diesem Artikel in deutscher Übersetzung vertraut zu machen.

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„Es scheint nur, dass wir eine Wahl haben“. Das sind die Worte, die in ihrer Tiefe und Kühnheit überaus markant sind. Ausgesprochen wurden sie vor 15 Jahren. Heute sind sie vergessen und werden nicht mehr zitiert. Aber das, was wir vergessen, beeinflusst uns viel mehr, als das, woran wir uns noch erinnern. So funktionieren Gesetze der Psychologie. Diese Worte, die weit über den ursprünglichen Kontext hinausgingen, wurden zum ersten Axiom der neuen russischen Staatlichkeit, zum Axiom, auf dem sich nun alle Theorien und Praktiken der aktuellen Politik basieren.

Die Illusion der Wahl ist die wichtigste der Illusionen und der wichtigste Trick der westlichen Lebensweise und der westlichen Demokratie, die sich schon seit langem eher den Ideen von Barnum als dem Cleisthenes verschrieben hat. Die Ablehnung dieser Illusion zugunsten des Realismus der Prädestinierung veranlasste unsere Gesellschaft, zunächst über ihre eigene, souveräne Version der demokratischen Entwicklung nachzudenken und dann das Interesse an Diskussionen darüber zu verlieren, was Demokratie sein sollte, und ob sie prinzipiell existieren sollte.

Die Wege des freien Staatsaufbaus öffneten sich, und zwar nicht durch importierte Chimären, sondern durch die Logik historischer Prozesse und damit durch die "Kunst des Möglichen". Ein unmöglicher, unnatürlicher und gegengeschichtlicher Zerfall Russlands wurde gestoppt, wenn auch mit Verspätung. Nachdem Russland vom Niveau der UdSSR bis zum Niveau der Russischen Föderation hinuntergerutscht war, hörte es auf zu kollabieren. Es begann sich zu erholen und kehrte schließlich zu seinem natürlichen und einzig möglichen Zustand einer großen, wachsenden und zusammenwachsenden Gemeinschaft der Nationen zurück. Die unbescheidene Rolle unseres Landes in der Weltgeschichte erlaubt es uns nicht, die Bühne zu verlassen oder in der Menge zu schweigen. Sie verspricht keine Ruhe und gibt einen unruhigen Charakter der hiesigen Staatlichkeit vor.

Also existiert der russische Staat weiter, jetzt aber nach einem neuen Typ, den wir bis jetzt noch nicht kannten. Dieser Staatstyp kam in der Mitte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts zustande. Er ist noch bei weitem unerforscht, aber seine Originalität und Lebensfähigkeit liegen auf der Hand. Stresstests, die dieser Staat bereits bestanden hat und weiter besteht, zeigen, dass ein solches organisch gebildetes Modell der politischen Struktur in den nächsten nicht nur Jahren, sondern auch Jahrzehnten und höchstwahrscheinlich für das gesamte kommende Jahrhundert ein wirksames Mittel zum Überleben und zur Erhebung der russischen Nation sein wird.

Also kennt die russische Geschichte vier wesentliche Staatsmodelle, die nach den Namen ihrer Schöpfer bezeichnet werden können: der Staat von Iwan dem Dritten (Großherzogtum / Königreich Moskau und ganz Russland, XV - XVII. Jahrhundert); der Staat von Peter dem Großen (Russisches Reich, XVIII - XIX Jahrhunderte); der Staat von Lenin (Sowjetunion, 20. Jahrhundert); Putins Staat (Russische Föderation, XXI Jahrhundert). Von den Menschen des langen Willens (nach Gumilews Ausdrucksweise) geschaffen sicherten diese riesigen politischen Maschinen, die sich nacheinander ablösten und im Laufe der Jahrhunderte repariert und angepasst wurden, eine hartnäckige Aufwärtsbewegung für die russische Welt.

Putins große politische Maschine gewinnt erst jetzt an Schwung und stellt sich auf ein langes, schwieriges und interessantes Wirken ein. Die volle Auslastung dieser Maschine ist nicht einmal in Sicht. Aber auch in vielen Jahren bleibt Russland immer noch Putins Staat, so wie sich das moderne Frankreich immer noch die Fünfte Republik von de Gaulle nennt, so wie die Türkei sich immer noch auf Atatürks Sechs-Pfeile-Ideologie stutzt, und so wie die Vereinigten Staaten sich immer noch auf die Gestalten und Werte der halb legendären Gründerväter zurückbesinnen.

Es bedarf einer gedanklichen Verarbeitung und Beschreibung des Regierungssystems von Putin, sowie des gesamten Ideenkomplexes und der Dimensionen des Putinismus als Ideologie der Zukunft. Das Wort Zukunft ist hierbei ausschlaggebend, denn der echte Putin ist kaum ein Putinist, genauso wie Marx kein Marxist war, und vielleicht hätte Marx nie ein Marxist werden wollen, wenn er erfahren hätte, was der Marxismus tatsächlich ist. Wie auch immer ist die obengenannte gedankliche Verarbeitung für alldiejenigen notwendig, wer nicht Putin heißt, gern aber wie Putin sein möchte. Das braucht man, um seine Methoden und Ansätze in die Zukunft auszusenden.

Die Beschreibung sollte nicht im Stil von zwei Propaganda-Arten (der „unsrigen“ und „nicht unsrigen“) ausgeführt werden, sondern in einer Sprache, die sowohl russische als auch antirussische offizielle Stellen als mäßig ketzerisch empfinden würden. Eine solche Sprache kann für ein ziemlich breites Publikum akzeptabel sein. Und das ist auch nötig, weil das in Russland entstandene politische System nicht nur für eine innenrussische Zukunft geeignet ist. Es hat eindeutig ein erhebliches Exportpotenzial. Die Nachfrage nach diesem System oder seinen einzelnen Bestandteilen ist bereits vorhanden, seine Methoden werden untersucht und teilweise übernommen. In vielen Ländern ahmen ihn sowohl regierende als auch oppositionelle Gruppen nach.

Ausländische Politiker unterstellen Russland die Einmischung in Wahlen und Referenden auf der ganzen Welt. Die Realität ist aber noch schlimmer: Russland mischt sich direkt in deren Gehirne ein, und die betroffenen Personen wissen nicht mehr, was sie nun mit ihrem von Russland modifizierten Bewusstsein anfangen sollen. Seitdem unser Land nach den unglücklichen 90er Jahren auf ideologische Kredite verzichtete, und stattdessen eigene Sinnbilder zu produzieren begann, sowie zur Informationsoffensive gegen den Westen wechselte, begannen europäische und amerikanische Experten immer häufiger falsche Prognosen zu generieren. Paranormale Vorlieben des Elektorats machen diese Experten stutzig und wütend. Völlig verwirrt berichten sie nun über den Einfall des Populismus. Diese Formulierung ist schon in Ordnung, solange man keine bessere hat.

Währenddessen ist das Interesse der Ausländer am russischen politischen Algorithmus nachvollziehbar, denn es gibt bekanntlich keinen Propheten in seiner Heimat, und alles, was ihnen heute passiert, wurde von Russland seit langem vorhergesagt.

Als alle noch nach der Globalisierung verrückt und von einer flachen Welt ohne Grenzen dümmlich begeistert waren, erinnerte Moskau deutlich daran, dass die Souveränität und nationale Interessen immer noch von Bedeutung sind. Damals wurden wir beschuldigt, an all diesen angeblich altmodischen Dingen naiv zu kleben. Man hat uns belehrt, die bemoosten Werte des 19. Jahrhunderts wegzuschmeißen, und tapfer in das einundzwanzigste Jahrhundert zu marschieren, wo ja keine souveränen Nationen und Nationalstaaten mehr existieren sollten. Aber im einundzwanzigsten Jahrhundert läuft alles bis jetzt eben nach dem russischen Szenario. Der englische Brexit, das amerikanische Great-Again, eine migrationsbedingte europäische Umzäunung. Das sind nur einige Punkte aus der langen Liste der Deglobalisierung, Resouveränisierung und des Nationalismus.

Als das Internet an jeder Ecke als unantastbarer Raum der uneingeschränkten Freiheit gelobt wurde, wo jeder angeblich alles Mögliche tun kann, und wo angeblich alle gleich sind, kam die ernüchternde Frage aus Russland zu der betrogenen Menschheit: „Und wer sind wir in diesem weltweiten Netz: Spinnen oder Fliegen?“ Heute sind alle - einschließlich der freiheitsliebenden Bürokratien - tüchtig am Netzentwirren, und zwischendurch unterstellt man auch noch Facebook die Duldung ausländischer Interventionen. Einst freier virtueller Raum, hochgepriesen als Prototyp des kommenden Paradieses, wird heute von Cyberpolizei, Cyberkriminalität, Cybertruppen, Cyberspionen, Cyberterroristen und Cybermoralisten kontrolliert.

Als die Hegemonie des "Hegemons" von niemandem mehr bestritten wurde, der große amerikanische Traum von der Weltherrschaft beinahe erfüllt, und das Ende der Geschichte mit der abschließenden Bemerkung "Völker schweigen" von vielen klar sichtbar war, unterbrach die Münchner Rede Putins die Stile. Damals klang sie durchaus dissidentisch. Heute ist alles, was Putin sagte, selbstverständlich geworden: Jeder, einschließlich der Amerikaner, ist mit Amerika unzufrieden.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde ein wenig bekannter Begriff „derin devlet“ aus dem türkischen politischen Wörterbuch von amerikanischen Medien repliziert, als „deep state“ ins Englische übersetzt und von unseren Massenmedien übernommen. Der Terminus bedeutet eine starre, absolut undemokratische Netzwerkorganisation der wirklichen Machtstrukturen, die sich hinter den äußeren, exponierten demokratischen Institutionen verbergen. Ein Mechanismus, der in der Praxis durch Gewalt, Bestechung und Manipulation wirkt und tief unter der Oberfläche der Zivilgesellschaft verborgen ist.

Die Amerikaner, die den unangenehmen "tiefen Staat“ in ihrem Land entdeckt haben, waren jedoch nicht besonders überrascht, weil sie sowas irgendwie schon lande ahnten. Es gibt doch deep net und dark net, warum also nicht deep state oder sogar dark state? Aus den Tiefen und dem Finsternis dieser nichtöffentlichen und nicht proklamierten Macht tauchen die hellen Spiegelungen der Demokratie auf, die dort für die Massen gebastelt werden: die Illusion der Wahl, das Gefühl der Freiheit, das Gefühl der Überlegenheit usw.

Misstrauen und Neid, die von der Demokratie als vorrangige Quellen sozialer Energie genutzt werden, führen unweigerlich zu einer Absolutierung der Kritik und zu einer Zunahme des Angstgefühls. Haters, Trolle und böse Bots bildeten eine schrille Mehrheit, die die ehrenvolle Mittelschicht, die vorher einen völlig anderen Ton angab, aus der beherrschenden Stellung verdrängte.

Nun glaubt niemand mehr an die guten Absichten der Politiker. Man beneidet sie, darum werden sie für bösartige, listige Menschen, sogar für Schurken gehalten. Berühmte politografische TV-Serien zeigen naturalistische Bilder vom trüben Alltag des Establishments.

Einen Schurken darf man nicht allzu weit gehen lassen, aus dem einfachen Grund, weil er eben ein Schurke ist. Und wenn überall (vermutlich) nur Schurken sind, muss man sie durch andere Schurken im Zaum halten. Genauso wie die Keile, treibt ein Schurke den anderen... Es gibt eine breite Palette von Schurken und komplizierten Regeln, die dazu dienen sollen, den Kampf der Schurken untereinander auf ein mehr oder weniger gezieltes (unentschiedenes) Ergebnis zu reduzieren. So entsteht das wohltuende System der Kontrolle und des Gleichgewichts - das dynamische Gleichgewicht der Niedrigkeit und der Gier, die Harmonie der Trickserei. Aber sobald ein Spielverderber auftaucht, der sich disharmonisch benimmt, eilt der wachsame, tiefe Staat zur Rettung und zieht den Abtrünnigen mit einer unsichtbaren Hand in die Dunkelheit.

Dieses vorgeschlagene Bild der westlichen Demokratie ist nicht wirklich gruselig, denn es reicht aus, den Blickwinkel ein bisschen zu ändern, und die Welt wird wieder seelensgut. Aber ein gewisses Nachgeschmack bleibt irgendwie doch, darum fängt der westliche Bürger an sich umzuschauen, um andere Existenzmuster zu finden. Und eines Tages entdeckt er Russland.

Unser System sieht bestimmt nicht eleganter aus, aber ehrlicher. Obwohl „ehrlicher“ nicht unbedingt mit „besser“ gleichbedeutend ist, besitzt dieses Wort doch einen gewissen Reiz.

Der russische Staat ist weder tief noch seicht. Es ist gänzlich in allen seinen Teilen und äußeren Erscheinungen. Seine brutalsten Konstruktionen sieht man direkt an der Fassade ohne jegliche architektonische Exzessen. Die russische Bürokratie trickst die Bürger nur schlampig aus, mit klarem Verständnis dass „sowieso alle alles verstehen“.

Eine hohe innere Spannung der Staat, die aus Notwendigkeit der Kontrolle über riesige heterogene Territorien folgt, sowie der ständige Verbleib im geopolitischen Kampf, machen die militärpolizeilichen Funktionen des Staates wichtig und entscheidend. Traditionell werden diese Funktionen nicht verborgen. Ganz im Gegenteil werden sie zur Schau gestellt. Denn Russland wurde nie von Kaufleuten und Liberalen regiert (fast nie, Ausnahmen: einige Monate im Jahr 1917 und ein paar Jahre in den 90er), die die Kriegsführung weniger wichtig als den Handel betrachten, und alles „Polizeiliche“ per se leugnen. Es gab in der russischen Elite niemanden, der die Wahrheit mit Illusionen verhüllte und die immanenten Eigenschaften des Staates, sich zu verteidigen und anzugreifen, schüchtern in den Hintergrund drängte und tief versteckte.

Es gibt keinen tiefen Staat in Russland, er ist vor aller Augen, aber es gibt ein tiefes Volk.

Die Elite glänzt auf der Oberfläche, Jahrhundert für Jahrhundert. Sie involviert das Volk aktiv in einige ihrer Aktivitäten: Parteiversammlungen, Kriege, Wahlen, wirtschaftliche Experimente. Das Volk beteiligt sich zwar daran, jedoch etwas distanziert. Es taucht kaum an der Oberfläche und lebt in seinen eigenen Tiefen ein völlig anderes Leben. Diese zwei Leben einer Nation (in der Tiefe und auf der Oberfläche) bewegen sich mal in der entgegengesetzten, mal in der gleichen Richtung. Sie werden aber nie zu einer Einheit.

Das tiefe Volk hat es faustdick hinter den Ohren. Es ist unerreichbar für soziologische Umfragen, Kampagnen, Bedrohungen und andere direkte Untersuchungs- und Einflussmethoden. Das Verständnis darüber, wer das russische Volk eigentlich ist, was es so denkt und was es will, kommt oft zu plötzlich und zu spät, und manchmal auch nicht zu denen, die damit etwas anfangen können.

Es gibt kaum Sozialwissenschaftler, die es wagen, genau zu bestimmen, ob das tiefe russische Volk zahlenmäßig der Gesamtbevölkerung gleich ist, oder nur ein Teil davon darstellt, und wenn ja, welchen Teil genau. In verschiedenen Zeiten hielt man mal Bauern, mal Proletarier, mal Parteilose, mal Hipster für das tiefe russische Volk. Man suchte nach ihm, man versuchte ins Volk einzutauchen. Man hielt es für gotttragend, und auch nicht. Es gab Zeiten, wo man sicher war, das dieses Volk gar nicht gibt. Darauf folgten galoppierende Reformen ohne Rücksicht auf das russische Volk, die dann katastrophal endeten, und die Reformer schnell zur Einsicht brachten, dass das tiefe Volk doch existiert. Dieses Volk gab schon mal dem Druck seiner eigenen oder fremden Invasoren nach, kehrte aber immer wieder zurück.

Die gigantische Supermasse des tiefen russischen Volkes generiert eine unwiderstehliche Wucht der kulturellen Gravitation, die die Nation zementiert und die Elite zurück zum Heimatland zieht / drückt, sobald sie kosmopolitisch aufzuschweben versucht.

Der Volkscharakter geht der Staatlichkeit voraus, gestaltet ihre Form, begrenzt die Fantasien der Theoretiker und zwingt Praktiker nach bestimmten Regeln zu handeln. Er ist ein kräftiger Anziehungspunkt, zu welchem ausnahmslos alle politischen Leitbahnen führen. Egal wie man Russland regiert, ob konservativ, sozialistisch oder liberal, schlussendlich kommt man auf das Wichtigste zu. Und zum Wichtigsten kommen wir nun.

Das tiefe russische Volk zu hören und zu verstehen, und entsprechend zu handeln ist eine ziemlich einzigartige und wichtige Eigenschaft des Putin-Staates. Dieser Staat ist dem Volk adäquat und somit gegen zerstörerische Überlastungen des geschichtlichen Gegenstroms geschützt. Das macht ihn effektiv und dauerhaft.

In dem neuen System erfüllen alle Institutionen die Hauptaufgabe, die darin besteht, eine vertrauliche Kommunikation zwischen dem Staatsoberhaupt und den Bürgern sicherzustellen. Diverse Gewalten laufen bei der führenden Persönlichkeit zusammen. Sie erfüllen ihre Funktionen nur, solange sie die Kommunikation zwischen dem Volk und dem Oberhaupt gewährleisten. Daneben existieren auch informelle Kommunikationswege, die an den Elite-Gruppen vorbeilaufen. Und falls Dummheit, Rückständigkeit oder Korruption diese Kommunikation stören, werden energische Maßnahmen ergriffen, um die Verständigung wiederherzustellen.

Die aus dem Westen übernommene mehrschichtige politische Strukturen werden manchmal als teilweise rituell betrachtet, um halt "wie die anderen“ zu sein, damit die Unterschiede in unserer politischen Kultur unseren Nachbarn nicht so sehr auffallen, sie nicht irritieren und nicht verängstigen. Sie sind wie ein Kleid, in dem man ausgeht. Aber zu Hause ist man eben zu Hause, und jeder weiß, was man so anhat.

Im Wesentlichen vertraut die Gesellschaft aber nur dem Staatsoberhaupt. Ob das am Stolz des nicht eroberbaren Volkes liegt, oder ist das ein Wunsch, die Wege der Wahrheit zu begradigen, oder etwas anderes, ist schwer zu sagen, aber dies ist eine Tatsache und zwar keine neue Tatsache. Neu ist aber, dass der Staat diese Tatsache nicht ignoriert, und sie bei seinen Entscheidungen berücksichtigt.

Es wäre jedoch eine Vereinfachung, dieses Thema auf den berüchtigten "Glauben an den guten Zaren" zu reduzieren. Das tiefe Volk ist alles andere als naiv. Die Barmherzigkeit hält es kaum für eine Zarentugend. Eher könnte das tiefe russische Volk über das richtige Staatsoberhaupt das sagen, was Einstein über den Gott sagte: „Anspruchsvoll, aber nicht bösartig“.

Das moderne Modell des russischen Staates beginnt mit dem Vertrauen und basiert darauf. Dies ist der grundlegende Unterschied zum westlichen Modell, wo Misstrauen und Kritik gefördert werden. Dies ist auch seine Stärke.

Unser neuer Staat wird im neuen Jahrhundert eine lange und glorreiche Geschichte haben. Er bleibt stabil. Er wird nach seinem Ermessen handeln, er wird Preise in der obersten Liga des geopolitischen Kampfes erhalten und behalten. Früher oder später müssen alle, die von Russland eine "Verhaltensänderung" fordern, dies akzeptieren. Denn es scheint nur, dass sie eine Wahl haben.

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17 April 2018

Einsamkeit eines Halbblüters

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Dieser Mann hat in der westlichen Presse viele Namen: Putins Rasputin, Graue Eminenz im Kreml, Chefideologe Russlands, Demiurg des Kremls, Mastermind des Putinismus, Ex-Vize-Ministerpräsident und wohl immer noch der Chef der russischen staatlichen Propaganda.

Eigentlich heißt er Wladislaw Surkow, der Mann, für dessen Gedanken offensichtlich auch Putin ein offenes Ohr hat. Und hier kommt sein Artikel.

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Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Es gibt Arbeit, die man nur in einem etwas anormalen geistigen Zustand verrichten kann. So steckt hinter dem durchschnittlichen Prolet der Informationsindustrie in der Regel ein Mann mit einer wirren Denk- und fieberhaften Handlungsweise. Das ist auch kein Wunder, denn das Nachrichtengeschäft setzt Eile voraus: erfahren, berichten, auslegen – überall muss man die Nase vorn haben.

Die Aufregung des News-Produzenten färbt auf News-Konsumenten ab. Die aufgeregten Nachrichtenverbraucher halten irrtümlicherweise ihre eigene Aufregung für einen Denkprozess. Dadurch werden langlebige Werte wie „Überzeugungen“ und „Prinzipien“ aus dem Alltag verdrängt und durch Einweg-Meinungen ersetzt. Das ist auch der Grund für zahlreiche falsche Prognosen, die aber kaum jemanden mehr in Verlegenheit bringen. Das ist eben der Preis für schnelle und frische Nachrichten.

Aber das überwältigende Umgebungsgeräusch der Massenmedien macht das spöttische Schweigen des Schicksals kaum noch hörbar. Fast unbemerkt bleiben dabei langsame und massive Nachrichten, die nicht von der Oberfläche, sondern aus den Tiefen des Lebens kommen. Aus jenen Tiefen, wo sich geopolitische Strukturen und geschichtliche Epochen bewegen und zusammenprallen. Den Sinn dieser Nachrichten begreifen wir (zu) spät. Aber besser später als nie.

Auf das Jahr 2014 besinnt man sich in Verbindung mit wichtigen und sehr wichtigen Ereignissen, die allen gut bekannt sind. Das wichtigste Ereignis aus jener Zeit offenbart sich aber nur allmählich, diese langsame, tiefliegende Nachricht erreicht uns erst heute. Das Ereignis nennt sich den Abschluss einer epischen Reise Russlands nach Westen. Es bedeutet das Aufhören mit zahlreichen ergebnislosen Versuchen Russlands, ein Teil der westlichen Zivilisation zu werden und sich mit der „guten Familie“ europäischer Völker zu verschwägern.

Mit 2014 fängt die russische Epoche 14+ an. Diese Epoche der geopolitischen Einsamkeit wird sich auf eine völlig unbestimmte Zeit (200, 300 Jahre?) erstrecken.

Die Westernisierung, die der Falsche Dmitri seiner Zeit einleitete, und die vom Peter dem Großen fortgeführt wurde, hatte in Russland alle möglichen Formen durchgemacht. Russland ließ kaum etwas unversucht, um sich mal Holland, mal Frankreich, mal Amerika, mal Portugal zu ähneln.

Mit vollem Einsatz versuchte es, sich in die westliche Welt regelrecht hineinzupressen. Alle Ideen und Anregungen, die aus dem Westen kamen, nahm die russische Elite mit einer riesigen (zum Teil evtl. übertriebenen) Begeisterung auf.

Russische Zaren heirateten tüchtig deutsche Prinzessinnen, russischer Adelstand vervollständigte sich aktiv mit sogenannten „wandernden Fremden“. Aber die Europäer in Russland verwandelten sich schnell in Russen, während sich die Russen kaum europäisieren ließen.

Die russische Armee kämpfte sieg- und opferreich in allen großen europäischen Kriegen, die es auf diesem von Massengewalt und Blutgier rekordverdächtig geplagten Kontinent mehr als genug gab. Große Siege und große Opfer brachten Russland viele westliche Territorien, aber keine Freunde.
Der westlichen (damals religiös-monarchischen) Werte wegen regte Sankt-Petersburg die Heilige Allianz dreier Monarchien an, und trat auch als ihr Schirmherr auf. Russland erfüllte damals seine Verbündetenpflichen redlich, als es Habsburger vor dem ungarischen Aufstand schützte. Aber als Russland selbst in eine schwierige Lage geriet, eilte Österreich nicht gerade zur Hilfe, ganz im Gegenteil – es trat gegen Russland auf.

Dann wurden die westlichen Werte anders: Marx kam in Paris und Berlin in Mode. Gewisse Bewohner in Simbirsk und Janowka (RF: Geburtsorte von Lenin und Trotzki) wollten es „wie in Paris“ haben. Sie hatten ja Angst, mit dem damals auf den Sozialismus versessenen Westen nicht mitzukommen. Sie fürchteten, dass die Weltrevolution, angeblich von europäischen bzw. amerikanischen Werktätigen angeführt, ihre Krähwinkel außer Acht lässt. Sie gaben sich Mühe.
Aber sobald der Sturm des Klassenkampfes vorbei war, musste die mit dem unglaublich tragischen Aufwand aufgebaute UdSSR feststellen, dass es gar keine Weltrevolution stattfand, und dass die westliche Welt gar nicht von „Arbeitern und Bauern“, sondern von Kapitalisten regiert wird. Schlussendlich wurde man gezwungen, die zunehmenden Symptome eines autistischen Sozialismus hinter dem Eisernen Vorhang zu verstecken. Zum Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde Russland mit seiner „einzigartigen“ Rolle satt. Es wollte mal wieder nach Westen.

Dabei überlegte man sich anscheinend, dass die Größe manchmal doch eine Rolle spielt: Russland sei für Europa zu groß, furchterregend riesig. Also galt es dann, alles zu kürzen: Territorium, Bevölkerung, Wirtschaft, Armee, Ambitionen – bis auf das durchschnittliche mitteleuropäische Niveau. Auf diese Weise erhoffte man sich ein besseres europäisches Aussehen. Gesagt getan.
Der Glaube an Marx wurde prompt durch den Glauben an von Hayek ersetzt. So wurde das demographische, wirtschaftliche und militärische Potenzial glatt halbiert. Die Sowjetrepubliken wurden weggescheucht. Die russischen Teilrepubliken waren an der Reihe. Aber auch nach den ganzen Abtragungen konnte Russland die westliche Kurve doch nicht kriegen.

Dann traf man die Entscheidung, mit Selbstverstümmelung aufzuhören und - sieh mal einer an - sogar seine Rechte zu beanspruchen. Ab dem Moment wurden die Ereignisse des Jahres 2014 unumgänglich.

Russische und europäische Kulturmodelle sehen zwar sehr ähnlich aus, haben aber unterschiedliche "Software" und "Interfaces". Eine Vernetzung ist nicht möglich. Heute, als dieser alte Verdacht zur Tatsache geworden ist, werden Stimmen laut, ob man sich doch lieber dem asiatischen Osten zuwenden sollte. Nein.

Dort war Russland bereits. Das Moskauer Urreich wurde in einem komplexen militärpolitschen Coworking mit der Goldenen Horde aufgebaut. Sei das ein Bündnis oder ein Joch gewesen, in jedem Fall wurde die östliche Entwicklungsrichtung schon mal gewählt und ausprobiert.

Selbst nach dem Stehen an der Ugra (RF: die wochenlange Schlachtaufstellung zwischen der Goldenen Horde unter Akhmat Khan und dem russischen Heer unter Iwan III. im Jahr 1480, die nicht zu einer tatsächlichen Schlacht führte) blieb das russische Reich ein Teil Asiens. Es eroberte östliche Territorien. Es beanspruchte byzantinische Erbe, die Erbe des „asiatischen Roms“. Es wurde sehr stark von adligen hordischen Familien beeinflusst. Der Höhepunkt der asiatischen Ausrichtung war die (von Iwan dem Schrecklichen angeregte) Bestellung den Khan von Kassimow Sajin Bulat zum russischen „Alleinherrscher“. Historiker führen gewöhnlich diese „Ausschreitung“ von Iwan dem Schrecklichen ausschließlich auf seine angeborene Überspanntheit zurück.

Doch so einfach war es nicht. Nach Iwan dem Schrecklichen bildete sich eine durchaus starke Partei, die Sajin Bulat als einen wirklichen Herrscher sehen wollte. Es kam sogar so weit, dass der spätere Zar Boris Godunow von seinen Bojaren (RF:Adel) verlangte, dass sie öffentlich „dem Zaren Sajin Bulat und seinen Kindern abschwören“.

Also war Russland schon mal kurz davor, sich unter das Zepter von Dschingis-Khan-Nachkommen zu stellen und damit das „östliche Entwicklungsparadigma“ anzunehmen.

Weder Sajin Bulat noch Nachkommen vom Hordenfürsten Godunow hatten allerdings keine Zukunft. Es fing die polnische Invasion an, die neue Zaren für Moskauer Land mitbrachte. Die Herrschaft vom Falschen Dmitri und dem polnischen Titularzar Wladislaw IV. Wasa war flüchtig, aber sehr symbolisch.

Die russische Zeit der Wirren sollte man vor diesem Hintergrund nicht als eine dynastische Krise, sondern vielmehr als eine Zivilisationskrise betrachten: Russland spaltete sich von Asien ab und begann in Richtung Europa zu driften.

Also bewegte sich Russland vier Jahrhunderte lang in Richtung Osten, dann vier Jahrhunderte lang in Richtung Westen. In keiner der beiden Richtungen klappte es wirklich, Fuß zu fassen. Die beiden Wege haben wir bereits hinter uns.

Jetzt ist die Ideologie des dritten Weges auf der Tagesordnung: die Ideologie des dritten Zivilisationstyps, der dritten Welt, des dritten Roms... Aber trotzdem sind wir kaum eine dritte Zivilisation. Eher sind wir eine doppelte und zwiespältige Zivilisation, die sowohl den Osten, als auch den Westen gleichzeitig beinhaltet, und deswegen weder europäisch, noch asiatisch bleibt.
Unsere kulturelle und geopolitische Zugehörigkeit ähnelt sich der wandernden Identität eines Menschen, der in einer gemischten Ehe geboren wurde. Er hat überall Verwandte, aber nirgendwo die Nächsten. Er ist ein Freund unter den Feinden und ein Feind unter den Freunden. Er versteht alle, wird aber von keinem verstanden. Halbblut, Mischling, ein Seltsamer. Russland ist ein west-östliches Halbblutland.

Zweiköpfige Staatlichkeit, hybride Mentalität, transkontinentales Territorium, bipolare Geschichte. Deswegen ist Russland charismatisch, talentiert, schön und einsam, wie jeder andere Halbblüter auch.

Alexander III. behauptete (oder auch nicht), dass Russland nur zwei Verbündete habe: seine Armee und seine Flotte. Wie auch immer kann man diese Phrase als die beste Metapher für die geopolitische Einsamkeit Russlands betrachten. Man soll sie längst als unser Schicksal akzeptieren. Die Liste der Verbündeten kann man natürlich beliebig erweitern: Arbeiter und Lehrer, Öl und Gas, kreative und patriotische Mitbürger, General Frost und Erzengel Michael... Der Sinn bleibt aber unverändert: wir selbst sind unsere eigenen Verbündeten.

Wie wird unsere zukünftige Einsamkeit aussehen? Als Einspänner weit abseits der großen Welt? Oder als einsam glückliche Spitzenreiter? Als eine sich losgelöste Alpha-Nation, für die weitere Nationen den Weg frei machen müssen? Das hängt nur von uns ab. Einsamkeit ist nicht gleich Absonderung. Eine grenzenlose Offenheit ist ebenfalls unmöglich. Beides wäre nur die Wiederholung alter Fehler. Die Zukunft hat aber ihre eigenen Fehler, sie braucht keine weiteren aus der Vergangenheit.

Zweifelsohne wird Russland auch weiter Handel betrieben, Investitionen anlocken, Wissen austauschen, Kriege führen (auch ein Kommunikationsmittel!), an Allianzen teilnehmen, konkurrieren und zusammenarbeiten, aber auch Angst, Hass, Neugier, Sympathie und Begeisterung auslösen. Nun aber ohne falsche Ziele und ohne Selbstablehnung. Es wird schwierig, und wir werden uns oft ärgern, wieso unser Weg „durch das Raue zu den Sternen“ nur aus dem Rauen besteht.
Es wird interessant.

Und Sterne erreichen wir auch.


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