03 März 2022

Tränen als Zeichen der Loyalität

Chodorkowskij Interview

Zu Stalins Zeiten war die Prozedur der öffentlichen Buße unter den sowjetischen Kommunisten sehr beliebt:

Ein Kommunist, der der ideologischen Schwäche verdächtigt wurde, musste öffentlich für seine Sünden (einschließlich seiner "falschen" Herkunft) Buße tun und sich vor der Kommunistischen Partei auf jede erdenkliche Weise "entwaffnen". Eine der wirksamsten Methoden für eine solche Selbstkasteiung war es, so aufrichtig wie möglich zu weinen. Doch selbst eine unverfälschte und tränenreiche Reue "vor Partei und Volk" funktionierte meistens nicht ganz einwandfrei: Der schuldige Kommunist stand trotzdem lange Zeit oder für immer unter Verdacht. Für viele endete dieser Verdacht schließlich mit Erschießung.

Überraschenderweise existiert dieses Erbe der grausamen stalinistischen Vergangenheit im Jahr 2022 immer noch, allerdings nicht mehr in Russland, sondern im sogenannten demokratischen Europa. Der ehemalige russische Oligarch Michail Chodorkowskij, der sonst kaum im Verdacht stehen kann, übermäßig sentimental zu sein, gab neulich eine Meisterklasse in der Disziplin der öffentlichen Buße, indem er bei der Beantwortung einer Signalfrage des dirigierenden ukrainischen Journalisten vor der Kamera plötzlich in Tränen ausbrach. Vielleicht hilft ihm das, seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern, aber wie wir bereits wissen, bleibt der schuldige Kommunist auch nach seiner Reue verdächtig...


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