09 Februar 2021

Der verblasste Charme des Westens


Erfahrungsbericht Frankreich
In den letzten 20 Jahren gehörte es nicht nur für russische Oligarchen sondern auch für viele ortsabhängige Freiberufler zum guten Ton, sich außerhalb Russlands zeitweilig oder auch ständig niederzulassen.

Besonders angesehen waren dabei europäische oder amerikanische Lokalionen. Nun dreht sich der Spieß langsam um. Die russischen Auswanderer kommen zunehmend heim. Dabei veröffentlichen einige von ihnen Erfahrungsberichte, die sich merklich von den bis zuletzt vorherrschenden Idealvorstellungen vom "Westen" abweichen. Ein derartiger Bericht eines russischen IT-Fachmanns kommt nun hier in deutscher Übersetzung. 

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Zwei Jahre als Migrant in Europa zu leben war für mich mehr als genug. Das Leben in Südfrankreich hat nur drei Vorteile: das Klima, das Meer und die lokale Küche. Der Alltag besteht jedoch aus lauter negativen Erfahrungen. Diese beginnen sofort, sobald man auf den Staatsapparat Frankreichs stoßt. Gott sei Dank, dass nur Anwohner und Migranten davon betroffen sind. Die Touristen bleiben vom diesem "Privileg" verschont. Sonst gäbe es in diesem Land gar keine Touristen mehr.

Wenn ihr glaubt, dass es in Frankreich einen elektronischen Service für Bürgerdienste gibt, der sich dem russischen GosUslugi (wörtlich: Dienste des Staates) ähnelt, dann muss ich euch enttäuschen. Es gibt hier keine staatlichen Institutionen wie unsere MFZs (staatliche Multi-Funktionale Zentren), die sieben Tage die Woche von früh morgens bis spät abends arbeiten.

Französische Behörden funktionieren ein paar Mal pro Woche für zwei Stunden. Zum Beispiel am Montag von 10.00 bis 12.00 Uhr und am Donnerstag von 15.00 bis 17.00 Uhr. Zu jedem anderen Zeitpunkt ist es schlicht unmöglich, die nötigen Staatsdiener zu erwischen.

Aber selbst zu den Bürozeiten muss man darauf vorbereitet sein, französische Ämter regelrecht zu stürmen. Wenn der Sturm scheitert, dann kann man es ja immer noch in der nächsten Woche versuchen. Wenn es auch das zweite Mal nicht klappt, dann kommt man schnell auf die Idee, sich vor der Amtstür ab 6 Uhr morgens anzustellen. Dann hat man mehr Chancen, zum begehrten Schalter zu gelangen.

Wenn man in Frankreich lebt, muss man die Begriffe wie "Internet-Technologien" oder "digitale Wirtschaft" generell aus dem Kopf schlagen. Gleichzeitig muss man sich auf sowjetische Erfahrungen besinnen, für jede Bescheinigung mehrere Türklinken zu putzen. Dabei hat man nur selten Glück, dass man nur eine einzige Bescheinigung braucht. Normalerweise setzt jeden Anliegen ein ganzes Papierpaket voraus. Und damit das Leben nicht wie Honig wirkt, müssen die Bescheinigungen an verschiedenen Amtsstellen ergattert werden.

Die in Russland mittlerweile üblichen Konzepte wie "einheitliche Datenbank" oder "zwischenamtliche Interaktion“ sind in Frankreich einfach nicht vorhanden. Jede französische Behörde stellt eine in sich geschlossene Welt dar. Es scheint keine zentrale Behörde zu geben, die die Interaktion zwischen Ämtern koordiniert. Warum die Franzosen die Funktion ihres Staatsapparats nicht verbessern wollen, bleibt mir ein Rätsel.

Zum Beispiel musste ich 2015 in Moskau meinen Führerschein erneuern. Die ganze Procedere dauerte vielleicht 10 Minuten insgesamt: Per GosUslugi-Website den Antrag gestellt, einen mir passenden Termin gewählt und dann den Führerschein bei der Polizei ohne Wartezeiten abgeholt.

In Frankreich ist das grundsätzlich unvorstellbar. Dort wird es Wochen dauern, bis man nach diversen Behördengängen und dem mühsamen Warten den neuen Führerschein bekommt.

Dabei bitte immer gut auf den eigenen Gesichtsausdruck aufpassen: Französische Staatsdiener sind nämlich sehr empfindlich und launisch, und wenn ein Besucher ihnen nicht wirklich gefällt, dauert die Prozedur nicht mehr mehrere Wochen, sondern Monate.

Und wagt es nicht einmal zu denken, euch zu beschweren. Frankreich ist bekanntlich kein Russland, und selbst eine Beschwerde an den Präsidenten bewirkt nichts. Sie wird einfach von keinem gelesen.
Also lieber immer lächeln. Ein ständiges gezwungenes Lächeln in französischen Ämtern gibt mindestens Hoffnung darauf, dass das Anliegen zeitlich "standardmäßig“ bearbeitet wird.

Es ist für mich nun kein Wunder, wieso sich die Franzosen unaufhörlich anlächeln. Das hat nichts mit guten Umgangsformen zu tun. Vielmehr ist das eine unerlässliche Voraussetzung, damit normale Kommunikation überhaupt erst einmal stattfindet.

Wenn ihr glaubt, dass es ums Geschäftsleben in Frankreich besser bestellt ist, dann irrt ihr euch schon wieder.

Wenn man beispielsweise die banale Bankkarte ausstellen lassen möchte, muss man vor allem geduldig sein. Man hat einen Haufen Papiere vorzulegen, um die Identität, Wohnadresse und das Einkommensniveau zu bestätigen. Dabei reicht eine einzige Bestätigung in der Regel nicht aus. Man muss mehrere auf einmal haben. Beispielsweise muss die Wohnadresse sowohl durch den Mietvertrag als auch durch einen kommunalen Zahlungsbeleg bestätigt werden. Alles in Original, versteht sich.
Darüber hinaus hat man sich noch mit unzähligen Fragebogen und Erklärungen abzumühen. Also kann die Prozedur der Bankkartenbestellung, die man in Russland beiläufig per Internet für wenige Augenblicke erledigt, in Frankreich mehrere Stunden in Anspruch nehmen.

Das Internet in Frankreich ist sehr teuer und instabil. Dieser Faktor ist für meine Arbeit von wesentlicher Bedeutung. Im Jahr 2016 hatte ich in Moskau einen 500 Mbit-Zugang für umgerechnet 7 Euro zu bezahlen. In Nizza musste ich 180 Euro für 30 Mbit/s hinblättern. Ein spürbarer Unterschied.

In Russland kann man fast jedes Haushaltsproblem innerhalb einer Stunde gelöst bekommen. Wenn man beispielsweise eine neue Waschmaschine oder einen neuen Geschirrspüler gekauft hat, kann man über die mobile Anwendung einen Meister bestellen, der zu einem für den Kunden passenden Zeitpunkt kommt, seine Arbeit mit hoher Qualität erledigt und dafür umgerechnet 20 bis 25 Euro erhält.

In Frankreich bestellt man den Klempner meistens immer noch per Telefon, das man in einer Zeitungsanzeige erst einmal finden muss. Der Meister kommt dann zu einem für ihn passenden Zeitpunkt (Man muss sich also wirklich an den Klempner terminmäßig anpassen - nicht umgekehrt!) und anschließend 150 Euro für denselben Service in Rechnung stellt.

Alles in allem habe ich 2 Jahre lang in Frankreich ausgehalten. Nun lebe ich seit einem Jahr wieder in Moskau und kann mich nicht beschweren. Der Wunsch, ins Ausland zu ziehen, ist vergangen, und ich sehe heute keine Voraussetzungen mehr dafür, dass ich diesen Wunsch in absehbarer Zeit wieder bekomme.

Quelle

Der verblasste Charme des Westens Rating: 4.5 Diposkan Oleh: Admin

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