- Verstanden.
Der Terminal blinkte grün. Das Hauptfiltersystem wurde aktiviert.
Chris wischte den Staub von der Tastatur und öffnete die Datenbank. Vor ihm flimmerte ein riesiges Datenset — Millionen von Profilen. Lebendig, atmend, ohne zu wissen, dass ihre Lebenslinien nun in Kategorien zerlegt wurden: Bereitschaft, Widerstandsfähigkeit, Übereinstimmung, Zweifel.
Er atmete tief ein. Es beginnt.
Phase 1: Pandemie
Der Algorithmus begann mit der Auslese. Diejenigen, die sich von Anfang an von Angst leiten ließen. Diejenigen, die blind folgten und sich dann mit dem gleichen Fanatismus abwendeten. Diejenigen, die zwischen Extremen pendelten, ohne einen inneren Mittelpunkt zu halten. Verletzlich gegenüber Angst. Verletzlich gegenüber Wahrheit.
Markierung: Instabil
Status: Entfernen
Einige Profile leuchteten gelb: umstrittene Fälle. Darunter waren die, die zögerten, aber standhielten. Diejenigen, die Fragen stellten, aber keinen Lärm machten. Für sie gab es Interviews. Auf dem Bildschirm tauchten Gesprächsvorlagen auf. Keine Wissensüberprüfung — eine Prüfung der Essenz.
Phase 2: Krieg
Hier arbeitete das System feiner. Es gab kein Schwarz-Weiß. Es zählte Haltung. Nicht zu den Flaggen, sondern zur Wahrheit. Wer die Stimme des Zorns wurde, ging in die rote Zone. Wer schwieg, aber innerlich brannte, wurde beobachtet. Doch wenn das Schweigen nicht aus Angst, sondern aus Tiefe kam, ging es in die grüne Zone: Es waren die Seltenen, es waren die Stillen.
Chris spürte die Schwere. Diese Entscheidungen waren nicht administrativ. Es war eine neue Selektion. Nicht nach Nationalität, nicht nach Wohlstand, nicht nach Macht. Nach dem Kern. Nach der inneren Ausrichtung.
Phase 3: Nach Plan
Chris kannte nicht den gesamten Plan. Es war ihm nicht erlaubt. Er wusste nur: Der Übergang stand bevor, und das System bereitete die Auswahl vor.
Die Menschen wussten nicht, dass sie beobachtet wurden. Dass jedes Posting, jede Wahl, jede Intonation in ihrer Stimme, die in digitalen Spuren festgehalten wurde, zum Material wurde. Für die Bewertung. Für die Entscheidung.
Am hundertsten Tag bemerkte Chris, dass die Anzahl der umstrittenen Profile geringer wurde. Immer mehr Profile gingen direkt in eine der beiden Kategorien — entweder „entfernen“ oder „bewahren“. Die Menschen wurden vorhersehbarer. Oder — sie entblößten ihre Konturen. Manche brachen zusammen. Andere klärten sich.
Die Pandemie und der Krieg waren nur der Anfang. Danach kamen Künstliche Intelligenz, Nahrungsmittelknappheit, der Zusammenbruch des Finanzsystems. Für jede Welle gab es eigene Filter. Das System lernte auch, und es beschleunigte sich.
Am 189. Tag erhielt Chris eine Benachrichtigung: „Interview. Objekt: Nr. 001“
Es war sein eigenes Profil.
Er sah schweigend in den Spiegel, dann auf den Bildschirm und öffnete das Interviewformular.
Frage 1: Wovor fürchtest du dich wirklich?
Er seufzte. Es war an der Zeit, zu antworten.
Das System irrte sich nicht.
Nicht einmal bei ihm.
Und irgendwo im Schatten der digitalen Wolken, ohne Namen, ohne Koordinaten, fand der Übergang statt. In eine neue Welt. In eine neue Schicht. In eine andere Struktur der Menschheit.
Das war die Säuberung, aber das war keine Vernichtung.
Es war eine Auslese.
Die Schwelle war nah.
(Das nächste Kapitel ist hier)
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