1/22/2021

Coronavirus in Russland: Theorie und Praxis


Coronavirus in Russland
Seit Anfang 2021 wurden Russland die Maßnahmen gegen Coronavirus wieder etwas gelockert.

Zum Beispiel dürfen in Moskau Kinder und Jugendliche schon wieder Fach- und Sportschulen sowie diverse Freizeiteinrichtungen ohne Einschränkungen besuchen. Die erlaubte Besucherzahl in Moskauer Bibliotheken, Museen sowie anderen Kultureinrichtungen wurde verdoppelt (von 25% auf 50% der regelmäßigen Kapazität).

Gestern teilte Mitglied des Staatsduma-Ausschusses für Gesundheitsschutz Boris Mendelewitsch mit, dass es "nicht länger als anderthalb Monate" dauern würde, bis die meisten Corona-Beschränkungen in den Regionen Russlands aufgehoben sind:

"Es ist klar, dass alles davon abhängen wird, wie sich die Situation entwickelt. Aber wenn es so wie heute aussieht, dann werden viele Regionen zum Ende Februar oder Anfang März spürbare restriktive Maßnahmen aufheben können."


Witalij Swerew, Immunologe und wissenschaftlicher Direktor des Metschnikow-Forschungsinstituts für Impfstoffe vertritt eine ähnliche Meinung. Der Wissenschaftler ist jedoch etwas vorsichtiger. Die Regionen Russlands, so Swerew, würden erst zum Sommer beginnen, Beschränkungen merklich aufzuheben:

"Die Epidemie entwickelt sich von Region zu Region anders. Aber ich denke, dass sich die Situation bis zum Sommer in den meisten Regionen normalisieren wird."

Noch vor einem Jahr hat die russische Regierung im Kampf gegen das Coronavirus eine Strategie eingeschlagen, die man als expansiv bezeichnen kann: Es wurden in ganz Russland neue sog. multifunktionale medizinische Zentren im Eiltempo gebaut. Als wichtigster Bauträger trat dabei die russische Armee auf.

Der Bau eines solchen Zentrums dauert von 40 bis 56 Tagen. Die Aufnahmekapazität beträgt von 60 bis 200 Personen. Im Moment funktionieren landesweit 30 multifunktionale medizinische Zentren.

Gleichzeitig wurden in bereits vorhandenen Kliniken Corona-Abteilungen (meistens auf der Basis von Infektions- und Chirurgieabteilungen) aufgebaut. Auch viele Sportkomplexe wurden in Corona-Behandlungszentren umfunktioniert.

Im Frühjahr 2020 gab es mehrere kurzzeitige Lockdowns, die Putin persönlich ankündigte. Jedes Mal begründete der Präsident die eingeführten Einschränkungen ausdrücklich damit, dass man lediglich Zeit gewinnen möchte, um sich auf die massenhafte Behandlung der Covid-Kranken vorzubereiten. Wie immer hat man das skeptisch empfunden, und wie immer hat Putins Plan letztendlich funktioniert.

Nun zur Praxis.

Alle Covid-Infektionierten werden in Russland je nach dem Ablauf der Krankheit grob in zwei Kategorien aufgeteilt: "leicht" und "mittelschwer".

Die "leichten" Patienten bleiben zu Hause. Sie bekommen auch Arzneimittel komplett oder teilweise (je nach der Region) kostenlos. Den Arzt kann man per Telefon konsultieren oder ihn nach Hause rufen.

Wird man mindestens als "mittelschwer" eingestuft (Körpertemperatur ab 38 Grad, hohe Atemfrequenz, Atemnot) wird man mit dem Krankenwagen ins nächste Covid-Zentrum eingeliefert. Für die Einlieferung reichen der Pass und Nachweis der medizinischen Pflichtversicherung. Ob der Bürger seinen Wohnsitz in der Region der Einlieferung hat oder anderswo, ist irrelevant. Die Einlieferung und die komplette stationäre Behandlung sind kostenlos.

In der Aufnahmeabteilung kann es hektisch sein. Man wird aber weder vergessen noch verloren – die Procedere geht fließbandmäßig voran. Oft wird dabei auch die Computertomographie gemacht (falls nicht schon vorher geschehen). Nach der Aufnahmeprozedur wird von den Ärzten ein vorläufiges Behandlungskonzept formuliert. Meistens enthält es diverse Tabletten, Spritzen, Tropfer und natürlich Sauerstoff (Intubation oder Maske). Je nach der Krankheitsentwicklung wird das Konzept dann laufend angepasst. Der Zustand des Kranken wird zweimal pro Tag durch Ätzte und dreimal pro Tag durch Krankenschwester (hauptsächlich Temperatur- und Saturationsmessungen usw.) kontrolliert. Die Behandlung dauert durchschnittlich 3 bis 5 Wochen.

Obwohl die Therapie, wie gesagt, für die Bürger kostenfrei ist, kann man unschwer ausrechnen, dass sich die Kosten – je nach konkretem Aufwand – locker auf ein paar tausend Euro belaufen können.

Die neu gebauten Covid-Zentren sind mit allem Nötigen ausgestattet und auch vom Interieur her modern und mit guten Kliniken durchaus vergleichbar. Auch die Verpflegung ist in Ordnung. Diese basiert übrigens noch auf den sowjetischen sog. "Grundvarianten der Standarddiät", die auch persönliche Indikationen (z.B. Diabetes usw.) berücksichtigen. Ein weiterer unauffälliger Vorteil der neuen Covid-Zentren ist deren Belegschaft. Sie besteht überwiegend aus Medizinstudenten und -absolventen, die in der Regel sehr aktiv, eifrig und zuvorkommend sind. Der Vorteil der "alten" Kliniken ist dagegen die große Erfahrung der Stammärzte, die allerdings manchmal etwas "ausgebrannt" wirken können. Doch ist das eine eher theoretische Anmerkung, denn die Qual der Wahl hat der Patient in dieser Hinsicht sowieso nicht – alles wird vom Arzt der Aufnahmeabteilung entschieden.

Alles in allem kann man nun langsam sehen, wie der Plan der politischen Führung Russlands in Bezug aufs Coronavirus vor einem Jahr aussah, und was daraus geworden ist. Das Ziel war damals, die russische Bevölkerung so schnell wie es nur geht und mit allen - vor allem finanziellen – Mitteln (auch die munter voranschreitende Vakzinierung nicht vergessen) herdenimmun und damit handlungsfähig zu machen. Das Ziel wurde im Wesentlichen erreicht.

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Kommentare:

  1. Die Pläne gehen auf, Russland und China werden die neuen Kulturträger, der Rest geht drauf.... (oder unter).

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    1. Richtig, das ist jedenfalls der Plan von Russland und China. Ob er aufgeht?

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