07.07.2019

Gedankenaustausch

Gespräche im Facebook
Ein weiterer Gedankenaustausch (auszugsweise) aus der russischsprachigen Facebook-Gruppe "Quo vadis, Deutschland?", deren Mitglieder mehrheitlich in Deutschland leben.

Lea
Ein Posting aus meiner momentanen Laune heraus...
Hier reden wir doch nicht nur über die Politik, nicht wahr? Alle Mitglieder dieser tollen Gruppe dürften sich mittlerweile als Pathologen vorkommen. Jedes Posting ist eine Leichenbeschreibung. Das ist tatsächlich kein Todeskampf mehr. Das ist schon die Verwesung des Landes. Aber zurück zu meiner Stimmung.
Wir haben ja alle den schnellen Zusammenbruch des Landes, der UdSSR, erlebt. Damals war es mir  (vielleicht auch euch) jedoch ganz anders zumute. Es gab Zuversicht. Wir haben damals gehofft, dass wir bald frei werden und den Käfig hinter dem eisernen Vorhang verlassen können.
Wo bleibt dieses Gefühl jetzt? Vor unseren Augen bricht etwas Unschönes, Faules, Verlogenes zusammen. Warum freuen wir uns nicht darauf? Warum hat man das Gefühl, auf ein gruseliges und unumkehrbares Ende zukommen? Oder ist das nur mein Empfinden? Das Empfinden einer Frau, die nicht mehr allzu jung und naiv ist?
Was meint ihr dazu, meine Freunde, die dachten, ein neues Zuhause in Deutschland gefunden zu haben? Ein falsches Zuhause...

Olga
Ich habe genau dieselben Gefühle und Fragen.

Radmila
Ich kann nur zustimmen, leider.

Marina
Als man hier in Österreich damals über EU-Mitgliedschaft diskutierte, sagte mir meine ältere Nachbarin: „Die UdSSR ging ja unlängst zugrunde, und nun basteln wir an einer neuen Union schon wieder. Das wird nicht gut enden“.

Avrora
Lea, Sie sind nicht allein mit Ihrem Gefühl, falls es Sie tröstet.

Valentina
Was mich am meisten empört, sind die Deutschen, die - als ob nichts geschehen wäre - weiter fressen, trinken, zahlen und schweigen. In Russland wäre so was kaum vorstellbar. Andererseits gibt es auch dort viele Asiaten. Aber sie schuften mindestens. Allerdings vermehren sie sich auch vorbildlich...

Lea
Ungefähr einmal im Monat komme ich mit meinem ehemaligen (deutschen) Mann ins Gespräch.
Und dann höre ich immer wieder das Gleiche:
Wir hätten die Natur vernichtet, und das müssten wir nun ändern. Wir seien zu satt, und die Afrikaner verhungern. Also hätten wir kein Recht, satt zu sein. Technischer Fortschritt wäre schlimm. Elektrizität wäre schlimm. Atomkraft wäre schlimm. Hat einer den Totschlag verübt? Nicht voreilig sein! Und nach entlastenden Beweisen suchen. Vergewaltigung? Woher kannst Du das genau wissen? Vielleicht war das gar keine Vergewaltigung, nur Deine Paranoia! Die Grünen seien die Creme der Gesellschaft...
Und so weiter. Aber zu lange halte ich das Gelabere nicht mehr aus. Ich bin doch „Faschistin“!

Valentina
Einfach Nerven schonen. Mit solchen Menschen kann man heute nicht einmal die Wettervorhersage besprechen.

Ivan
Ihre Fragen enthalten teilweise Antworten. Als die UdSSR zusammenbrach, hatte man tatsächlich das Gefühl, den Käfig bald verlassen zu können. Der Käfig deckte zwar ein Sechstel des Festlandes ab, aber immerhin konnte man die Hoffnung auf fünf weitere Sechstel setzen.
Heute ist die ganze Welt zum einzigen Käfig geworden. Und eine besonders entmutigende Ecke dieses Käfigs stellt ausgerechnet Europa dar, das in seinem Inneren überraschend schnell verfaulte.
Eine unheimliche Entwicklung, muss man zugestehen. Daher kommt eben das Gefühl eines unumkehrbaren Endes...

Quelle
Gedankenaustausch Rating: 4.5 Diposkan Oleh: Admin

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